Die Geschichte vom wilden Gänseküken

Ich will euch eine sehr besondere Geschichte erzählen, die mir letzte Woche passiert ist:

Es beginnt alles ganz banal.

Ich komme abends im Halbdunkeln vom Einkaufen nach Hause, steige aus dem Auto und gehe gähnend zum Kofferraum, um die Einkäufe herauszuholen. Doch dann reißt mich ein lautes Piepsen, ja, ein panisches, aufrüttelndes Schreien urplötzlich aus meinen Gedanken. Ich drehe mich aufgeschreckt um, da rennt ein kleines brüllendes Federbündel aus dem Vorgarten unserer Nachbarn auf die Straße, überquert sie in Millisekunden und läuft in unseren Garten.

Ich sprinte hinter dem panisch piepsenden Etwas hinterher mit dem Gedanken „Ein Entenküken??!! Was ist denn hier los???“ Da ist es schon im nächste Garten und unsere Katze will schon hinterher. Ich schreie sie an, dass sie abhauen soll und war bereit auf das Grundstück unserer Nachbar zu rennen, aber sie zieht sich gleich zurück. Währenddessen kommt das immer noch völlig außer sich piepsende Küken wieder an der Straße heraus. Ich halte mit den Armen wedelnd ein Auto an, dass dort angebraust kommt: „Vorsicht!!!“ Und folge dem Tier, dass mit ordentlich Tempo in eine Straße einbiegt. Ich hinterher! Obwohl ich überhaupt nicht weiß, was ich machen will! Weit und breit keine Enten! Dafür noch mehr Autos, die ich zum Abbremsen bewege. Mit einer Fahrerin unterhalte ich mich kurz. Nein, sie habe keine Zeit, sorry!

Also rufe ich im Laufen eine Freundin an. Geht nicht ran. Dann unsere Schulleiterin und Heilpraktikerin Cecilia Schoof, bei der ich ja Gespräche mache. Sie wird wissen, was zu tun ist! Sie geht sofort ran und sagt: „Oh Gott, das arme Tierchen! Zur Tierrettung bringen!“ Okay, Tierrettung, das ist gut!!! Und einfangen! Die Kleine hat es bereits über die Bahnschienen geschafft und kämpft sich nun durch Unkraut. Vor ihr liegen nur weite Felder – und Füchse und Greifvögel. Doch ich bekomme sie zu fassen, ganz vorsichtig, und hebe sie hoch. Es ist wie ein Kätzchen oder ein Singvogel, so klein und schnell atmend und zappelnd und zerbrechlich. Zwischen meinen Händen ist urplötzlich Ruhe. Sie kämpft etwas, aber die Wärme der Hände beruhigt das Küken schnell.

Ich gehe nach Hause mit diesem rohen Ei und seinen kühlen Schwimmfüßchen in den Händen, mit bebendem Herzen und heule plötzlich einfach los wie ein Schlosshund. Dieses kleine Baby hat so vehement und verzweifelt nach seiner Mami geschrien, dass es mir das Herz zerriss. „Hilfe! Hilfe!! Hilfeeee!!!!! Mama, wo bist du???“ Meine Mutter war auch nie da und hat mich in grässlichen Situationen alleine gelassen!

Diese Kleine ist sicherlich auch vor einem Monster geflüchtet.

Vor einem Fuchs oder einem Marder vielleicht, der ihre Schwestern und Brüder getötet hat… Ich komme zu Hause an und weiß überhaupt nicht, was jetzt machen. Für die Tierrettung ist es zu spät, dort kann ich erst morgen anrufen. Eine gute Freundin hilft mir, sie hat schon kleine Häschen und Küken gerettet als Kind, erzählt sie. Sie macht einen Karton mit Handtüchern und Wärmflasche schön.

Dabei entdecke ich Zecken auf ihr. Kleine schwarze Pünktchen, die über das flauschige Daunenkleid klettern. „Iiiih!! Nee, die kommt in den Karton! Ich will doch keine Zecken haben!!“ Doch Piepsie – der kindliche Name, mit dem wir sie in aller Eile taufen – will nicht im Karton bleiben und hüpft unermüdlich gegen die Pappwände an, läuft im Kreis, fiept und sucht einen Ausweg. Nur im Arm ist sie ruhig, schließt sogar die Augen. Sie ist völlig fertig und braucht Ruhe. Meine Freundin spricht aus, was ich eigentlich schon weiß, aber was meine schlechte Mutter in mir nicht hören will:

„Das ist jetzt deine Aufgabe.“

Ich setze mich verschnaufend mit Piepsie in den Händen aufs Bett. Starre das kleine Daunenbündel an, dass versucht zu schlafen und gegen jede Unterbrechung protestiert. Zähneputzen? Essen? Schlafen? Usw.?? Das wird nichts! Und endlich verstehe ich: Das ist alles scheißegal und wenn ich jetzt hier die Nacht sitzen und hungern muss!

Wichtig ist, dass dieses kleine Leben hier gerettet wird!

Scheiß auf meine ganzen Abläufe und Krücken, die mein Leben genaugenommen mehr einschränken als lebenswert machen! Dieses unschuldige reine Lebewesen werde ich retten! SO!

 

Ich kann es kaum fassen, dass mir das passiert. Ich habe Allergien gegen Katzen, Pferde, Hunde und damit mittlerweile geradezu Angst entwickelt, Tiere anzufassen, da dies immer von juckenden Ekzemen und Atemnot quittiert wird. Dieses kleine Küken einer Graugans – wie ich herausfinde – löst hingegen keine Allergie aus. Nichts juckt, nichts kribbelt. Die rumkrabbelnden Zecken zerquetsche ich kurzerhand mit den Fingernägeln.

Es ist wie ein Wunder.

Denn diese kleine Wildgans vertraut mir einfach und fordert Körperkontakt. Wenn ich die Hand wegziehe, wird sie unruhig, piepst, sucht, bis ich sie vorsichtig streichle. Selbst als ich sie auf mein Heizkissen bugsiere und mit einem T-Shirt behaglich zudecke, muss trotzdem die Hand dableiben.

Sie ist so zerbrechlich und so voller Leben. Und findet schnurgerade den Weg in mein Herz, das von vielen schrecklichen Erlebnissen vernarbt und verhärtet ist – Auch wenn es nach außen vielleicht anders aussieht, weil ich lächle und tue als wäre mein Leben einfach. Wirklich in mein Herz lasse ich niemanden. Piepsie hingegen… ist einfach zwischen den Füßen meiner schwer bewaffneten Abwehr hindurchgestürmt und mitten hinein in mein Herz.

Das Gänseküken ist völlig erschöpft

Doch dieser kleine Schatz muss zurück zu seiner Mutter. Sie piepst zwischendurch als würde sie mit ihren Brüdern und Eltern sprechen wollen, als hoffe sie auf eine Antwort. Ich rede beruhigend mit ihr, aber natürlich kann ich ihre Gänsefamilie nicht ersetzen. Auf Googlemaps finde ich zwei kleine Teiche in der Nähe, aus deren Richtung sie gelaufen kam. Ich bin mir sofort sicher, dass ich dort morgen früh mit ihr hingehen muss!

Piepsie will nach Hause

Am nächsten Morgen, pünktlich um halb acht, ist sie hellwach und guckt mich aus wachen Augen an, piepst und wird unruhig. Mir ist klar: Jetzt ist sie erholt genug! Ich ziehe mir eine Jacke an und los geht’s. Doch meine anfängliche Begeisterung schlägt plötzlich um, als ich beim Laufen nach rechts und links schaue. Wie soll ich hier überhaupt Gänse finden? Und wenn ich gar nichts finde und der Kleinen völlig unnötig diese Strapaze zumute? Regelrechte Angst kriecht mir den Nacken hinunter und jagt mir mit dem kühlen Wind und leichtem Regen Schauer über den Rücken. Es geht um Leben und Tod. Denn ein Leben irgendwo auf einem Bauernhof oder wo auch immer wäre nichts für dieses freie Tier, dass doch im Winter gen Süden ziehen muss und 20 Jahre alt werden kann!

Piepsie muss frei sein!

Am Ende der Straße, die mittlerweile zu einem Feldweg geworden ist, liegt eine Koppel mit fest verschlossenem Gatter… Und mir fallen fast die Augen aus dem Kopf: DORT SIND GRAUGÄNSE!!! Ich kann es kaum fassen, da sind sie! Kann ich einfach auf die Koppel? Da sind Longhorn-Rinder in einem Offenstall an der Seite, der jedoch von der Weide mit einem Tor abgetrennt ist. Ich bin hin- und hergerissen. Es sind keine Rinder auf der Wiese. Trotzdem, muss ich jemanden fragen? Da ist niemand. In der Mitte der Wiese ist der erste der zwei Teiche – mit Gartenhäuschen. Sieht nicht gerade nach einem Wildvogel-Paradies aus. Der zweite See liegt ca. 200 Meter weiter weg hinter dichtem Buschwerk. Das sieht schon eher nach etwas aus. Doch die Gänse befinden sich genau auf einer Weide dazwischen, die ebenfalls abgeriegelt und eingezäunt ist.

Ich muss dahin. Ich muss da jetzt hin mit ihr. Ich klettere über den glitschigen Zaun und gehe aufgeregt zu dem ersten Teich. Ich sehe weit und breit keine Küken, nur die Gänse dort auf der anderen Weide, die mich argwöhnisch beäugen und mit ihren Flügeln schlagen und schnattern und dann eine nach der anderen hochfliegen. Sie muss jetzt wieder schreien, damit sie sie bemerken! Piepsie, du musst piepsen! Ich setze sie ab, die mich verdattert anguckt und erst mir folgen will, als ich mich entferne.

Doch das laute Rufen der Gänse weckt ihre Aufmerksamkeit, sie läuft mit ihren kleinen Beinchen auf die andere Wiese und piepst lauter werdend. Und es schießt eine Graugans aus dem Dickicht des Teiches neben mir! „Das ist die Mutter!“ durchfährt es mich. Doch sie fliegt auch hoch. Die Gänse ziehen einen großen Bogen über uns. Ich gehe immer weiter weg, während das kleine Küken alleine und vehement rufend immer weiter auf die Weide läuft.

Da stürzt eine Gans vom Himmel herab.

Sie landet schnatternd am Ende der Wiese – ein ganzes Stück vom Küken entfernt. Piepsie schreit laut und die Gans fliegt wie von einer Schockwelle erfasst wieder in die Höhe und landet ein paar Meter vor dem Küken, läuft außer sich auf die Kleine zu, kommt neben ihr zum Stehen, überprüft nichts, schnuppert nicht, macht sich nur groß und gibt sonore beruhigende Schnattergeräusche von sich. Langsam geht sie in Richtung des zweiten Sees. Die kleine folgt ihr. Sie folgt ihr! Ich beobachte, wie beide wieder vereint den leichten Hügel hinaufgehen, während ich verblüfft und konsterniert und glücklich und völlig von den Socken langsam die Wiese wieder verlasse. Es hat geklappt. Es hat geklappt! Ich kann es immer noch nicht fassen, dass es geklappt hat. Die kleine Piepsie hat ihre Mama wieder.

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Dieses Foto habe ich heute gemacht bei Sturm und Regen –  ursprünglich in der Hoffnung, die Gänse sehen zu können. Doch die Wiese und der dahinterliegende Teich wird streng bewacht von drei Longhorns. 😀 Gut so!

Fazit

Ihr kennt bestimmt die Erleichterung, wenn man weint. Das Herz geht auf, man fühlt sich warm und die Energie fließt. Von daher war diese Begegnung bereits ein Geschenk, denn ich konnte tiefe Traurigkeit zulassen.

Doch das ist nicht alles.

Ein paar Stunden zuvor hatte ich gerade festgestellt, dass ich kein großes Auto, keine große Wohnung, keine teuren Sachen, keinen Job mit Prestige brauche… Weil ich in mir drin klein bin. Ein Kind noch, ein Küken. Doch meine Familie hat mir nie solche unerschütterliche Liebe gegeben, wie die Gänsemama der kleinen Piepsie allein in diesen paar Minuten, die ich miterleben konnte.

Ich bin 34 Jahre alt, aber mein inneres Kind ist noch klein, weil es lange Zeit kaum wachsen konnte aufgrund all der Unterdrückung und Ablehnung. Auch ich bin zerbrechlich innerlich und auf der Suche nach Liebe und Wärme und Geborgenheit. Und ich habe mich Menschen anvertraut und untergeordnet in der Vergangenheit, die mir ein bisschen das Gefühl von einem zu Hause gaben, weil ich so bedürftig war und unfähig mir selbst Liebe zu geben. Aber in Wirklichkeit habe ich meine Seele verkauft für ein bisschen Aufmerksamkeit.

Nun habe ich alle Brücken abgebrochen. Und lerne gerade alleine klar zu kommen. Ohne Familie. Ohne Partner. Aber mit Freunden und Gleichgesinnten. Und es ist nicht einfach auf vieles zu verzichten. Viele Menschen kommen nie los von ihren Eltern, werden nie erwachsen. Und wer es doch schafft, landet in unglücklichen Beziehungen, die vor allem eine tägliche Wiederholung der alten Verletzungen sind. Als einziger Ausweg aus der Depression und Sinnlosigkeit winkt dann die nächste Partnerschaft oder womöglich die Gründung einer Familie –  obwohl man selbst noch gar nicht erwachsen und frei ist innerlich. Die Verantwortung für ein eigenes Kind kann dann wie eine Gefangenschaft empfunden werden, obwohl doch überall gesagt wird, dass dies das ultimative Glück ist… Immer ist die Hoffnung da, dass dieser nächste Schritt nun endlich zu Glück und Zufriedenheit führt.

Ich sage euch eins: Seid nicht so dumm und sucht euer Glück bei anderen Menschen! Sucht es in euch selbst. Es der schwerste Weg, den euch niemand abnehmen kann. Der steinige Weg führt zu euch selbst, nicht die breite Straße, die alle benutzen. Ich bin immer wieder erstaunt, dass ich tatsächlich selbst fähig bin, positive Gefühle in mir wachzurufen. Ich selbst! Das ist Freiheit! Dass ich mit mir selbst glücklich bin! Nichts anderes kann das ersetzen. 🙂

Sophia

Ich mache seit März 2018 die Heilpraktiker Ausbildung an der Hamburger Heilpraktiker Fachschule und schreibe hier regelmäßig über Themen des Lebens. Schreibt eure Gedanken gerne in die Kommentare. 🙂

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